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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 10. August 2017

DUNKIRK (2017)

Regie und Drehbuch: Christopher Nolan, Musik: Hans Zimmer
Darsteller: Fionn Whitehead, Aneurin Barnard, Harry Styles, Kenneth Branagh, James D'Arcy, Mark Rylance, Tom Glynn-Carney, Cillian Murphy, Barry Keoghan, Tom Hardy, Jack Lowden, John Nolan, Michael Caine (Stimme)
 Dunkirk
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,7); weltweites Einspielergebnis: $316,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 107 Minuten.

Strand von Dünkirchen in Frankreich, Frühjahr 1940: Die britischen und französischem Truppen haben dem deutschen Feind kaum noch etwas entgegenzusetzen, Hunderttausende Soldaten warten und hoffen nur noch auf ihre Evakuierung, bevor die Nazis die letzte Verteidigungslinie durchbrochen haben. Doch Rettung ist fern, denn der Luftraum wird von deutschen Bombern, Stukas und Jägern beherrscht, während die britischen Zerstörer wegen des flachen Wassers nicht nahe genug an den Strand herankommen, um eine zügige Evakuierung zu gewährleisten. Stattdessen sitzen Soldaten wie Tommy (Fionn Whitehead), Gibson (Aneurin Barnard, TV-Serie "The White Queen") und Alex (Harry Styles) wie auf dem Präsentierteller – und wer das Glück hat, es auf eines der Schiffe zu schaffen, der bereut es schnell wieder, wenn deutsche Bomber und U-Boote angreifen. Da die britische Armeeführung genau weiß, daß Hitlers nächstes Ziel Großbritannien sein wird, kann man auch nicht alles riskieren, um die von Commander Bolton (Sir Kenneth Branagh, "Jack Ryan: Shadow Recruit") und Captain Winnant (James D'Arcy, "Cloud Atlas") angeführten Soldaten auf dem Festland zu retten. So verfällt man auf den doch ziemlich verzweifelten Plan, zivile Boote wie die "Moonstone" von Mr. Dawson (Mark Rylance, "Bridge of Spies") zu beschlagnahmen und nach Dünkirchen zu schicken, da sie bis an den Strand fahren können – unter Lebensgefahr selbstverständlich und nur rudimentär geschützt durch wenige mutige Spitfire-Piloten wie Farrier (Tom Hardy, "The Dark Knight Rises") …

Kritik:
Als ich vor zwei Jahren mein Buch über US-amerikanische Kriegsfilme schrieb, habe ich dafür naheliegenderweise so ziemlich jeden auch nur ansatzweise bedeutenden Film angeschaut, in dem der Krieg (manchmal auch nur indirekt, wie bei "Taxi Driver") eine wichtige Rolle spielt. Angesichts dessen hätte ich nicht wirklich gedacht, noch einmal einen Kriegsfilm zu sehen, der sich irgendwie "neu" anfüht. Christopher Nolan ("Interstellar") ist jedoch genau das mit dem von ihm auch geschriebenen "Dunkirk" gelungen – obwohl er dafür kurioserweise auf für sich genommen sehr bekannte Versatzstücke zurückgreift. Doch wie er die zusammensetzt und mit dem speziellen Nolan-Touch versieht, ist in der Tat einzigartig. Er selbst bezeichnet "Dunkirk" übrigens nicht als Kriegsfilm, sondern als Kriegsthriller, und natürlich liegt er damit vollkommen richtig. Sein erklärtes Vorbild dafür war der "Master of Suspense" Sir Alfred Hitchcock; und mit "Dunkirk" beweist Nolan, daß er sich hinter der britischen Filmlegende nicht verstecken muß. Auch ohne die für das Genre naheliegende Brutalität ist "Dunkirk" von der ersten bis zur letzten Minute hochgradig spannend, kaum eine Atempause wird dem Zuschauer durch die geschickte Konstruktion der drei verschiedenen Erzählperspektiven vergönnt, zumal Nolan das Publikum mit all seinem Können mitten hinein in das Kriegsgeschehen zieht. Das Ergebnis ist einer der besten Kriegsfilme aller Zeiten, der technisch nahezu perfekt ist, aber auch inhaltlich und (auf unkonventionelle Weise) hinsichtlich der Figurenzeichnung fast auf der ganzen Linie überzeugt und begeistert.

Mir ist bewußt, daß letzteres nicht jeder so empfindet, vor allem von deutschen Rezensenten wird teilweise eine zu große Distanz zu den Figuren bemängelt, auch eine von der makellosen Technik zu sehr in den Hintergrund gedrängte Handlung. Ich kann durchaus nachvollziehen, wie eine solche Einschätzung zustandekommt – teile sie allerdings nicht, da ich Nolans Konzept akzeptiere. Dieses beinhaltet, daß es kaum eine Einordnung in das größere Kriegsgeschehen gibt. Nolan richtet seinen Blick bewußt auf einzelne Nebenakteure mit sehr limitiertem Einfluß, die zudem wenig Charaktertiefe entwickeln dürfen, sondern sich fast ausschließlich durch ihr Verhalten im Krieg definieren. Das erinnert ein bißchen an Terrence Malicks recht kontrovers diskutierten Berlinale-Gewinner "Der schmale Grat", in dem alle Figuren bewußt austauschbar skizziert sind; nur daß Christopher Nolan es darauf anlegt – und es ihm gelingt! –, auch ohne charakterliche Hintergründe oder Wissen über das zivile Vorkriegsleben der Protagonisten eine emotionale Nähe zwischen ihnen und dem Publikum aufzubauen. Und wo es Malicks Intention war, die Sinnlosigkeit des Krieges sowie die Zerstörung von Mensch und Natur schonungslos nihilistisch zu illustrieren, geht es Nolan eher darum, die menschliche Seite aus dem brutalen, per se menschenverachtenden Kriegsgeschehen herauszuarbeiten. Das tut er wohlgemerkt, ohne dabei in irgendeiner Weise pathetisch oder kitschig zu werden; Heldengeschichten oder Kameradschaftsmythen, die ein Teil so vieler Kriegsfilme sind, spielen hier erfrischenderweise fast keine Rolle. Und im Gegensatz zu einem Michael Bay, der in qualitativer Hinsicht natürlich sowieso bei weitem nicht in Nolans Liga spielt und in seinem Kriegsspektakel "Pearl Harbor" in einem bemerkenswert dreisten Akt des Geschichtsrevisionismus ein amerikanisches Trauma im letzten Filmdrittel in fast so etwas wie einen Triumph umdeutete, läßt sich Nolan auch nicht in Versuchung führen, irgendetwas zu relativieren. Stattdessen zeigt er die Geschehnisse von Dünkirchen mit großem Bemühem um Authentizität als genau das, was sie eben waren: eine gewaltige Niederlage für die Alliierten mit einem halbwegs glimpflichen Ende, das rückblickend als ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg angesehen werden kann; wenn auch ein schmerzlich erkaufter.

Bedauerlicherweise gelingt es Nolan mit seinem bewußt verengten Blickpunkt jedoch nicht so ganz, die Größe dieser einzigartigen Rettungsoperation zu verdeutlichen – daß tatsächlich über 300.000 Soldaten nur durch den Einsatz Hunderter ziviler Kleinboote gerettet werden konnten, bleibt im begrenzten Ausschnitt der Evakuierung, den "Dunkirk" zeigt, nach menschlichem Ermessen kaum greifbar. Das ist jedoch einer der ganz wenigen Kritikpunkte, die ich gegen "Dunkirk" vorbringen kann. Mehr als kompensiert wird er durch die brillant durchdachte Story-Konstruktion mit drei unterschiedlichen, aber ineinandergreifenden Handlungssträngen, die als Stellvertreter für die sehr diversen Beteiligten an der Aktion stehen: die Fußsoldaten zu Land, die Air Force-Piloten in der Luft und die zivilen Schiffsbesatzungen auf dem Wasser (ergänzt durch die mehr oder weniger über den Dingen stehenden Offiziere Bolton und Winnant, die laut Nolan als eine Art Kontext vermittelnder griechischer Chor fungieren). Nolan hat die Storyfäden so geschickt miteinander verknüpft, daß gut eineinhalb Stunden lang atemlose Spannung mit ganz wenigen kurzen Atempausen entsteht – die zudem nicht wirklich erholsam sind, sondern eher der bedrückenden Ruhe vor dem Sturm gleichen. Nolans Anleihen bei Hitchock merkt man "Dunkirk" dabei jederzeit deutlich an. Zwar formal natürlich ein Kriegsfilm – der weder auf eine deutliche Anti-Kriegsbotschaft noch auf kriegsverherrlichende Passagen setzt, sondern eher bei den realitätsnahen, authentischen Kriegsfilmen á la "Der schmale Grat", Ridley Scotts "Black Hawk Down" oder speziell das erste Drittel von Steven Spielbergs "Der Soldat James Ryan" einzuordnen ist –, fühlt sich "Dunkirk" eher wie ein Thriller an. Die Spannung ist zum Greifen nah und wird noch verstärkt durch Hans Zimmers ("The Dark Knight") wieder mal kongenialen, ungemein intensiven und dabei oft treibenden, manchmal auch bedrohlichen Score, der für sich genommen mangels eingängiger Melodien wohl gar nicht so beeindruckend wirkt, aber eben perfekt auf das Filmgeschehen zugeschnitten ist. Daß sich die Handlung letztlich auf "Weg von hier!" beschränkt und es keine personifizierten Antagonisten gibt, fällt so kaum auf – wobei es sicher hilfreich ist, daß "Dunkirk" Nolans kürzester Film in Hollywood ist, der mit seinen 100 Minuten (plus Abspann) genau die richtige Länge hat, um das Publikum immersiv mitten hinein in den Krieg zu ziehen, ohne daß je erzählerische Längen aufkämen.

Wie nebenbei thematisiert Nolan zudem raffiniert diverse im Genre unvermeidliche Facetten des Krieges und zeigt die Auswirkungen auf die Individuen. Posttraumatische Belastungsstörungen – am Beispiel des von Cillian Murphy ("Batman Begins") verkörperten, namenlos bleibenden Soldaten, der von Mr. Dawson als einziger Überlebender eines U-Boot-Angriffs aus dem Meer gerettet wird – ebenso wie die Bereitschaft anderer Soldaten, in Extremsituationen Kameraden für das eigene Überleben zu opfern, selbst wenn diese einem zuvor noch das Leben gerettet haben. Zum Propagandafilm taugt "Dunkirk" also keinesfalls, wenn er auch ebensowenig den Krieg selbst hinterfragt. Wobei das aber kaum nötig ist, denn auch wenn Nolan im Gegensatz zu vielen erklärten Anti-Kriegsfilmen auf besonders realistische, allzu drastisch-blutige Szenen verzichtet, vermittelt er doch fraglos durch die Inszenierung des Geschehens – mitsamt einer grandiosen, furchteinflößend realen Klangkulisse sowie ebenso dosiert wie klug eingesetzten Spezialeffekten und Explosionen –, daß die Mitwirkung an einem Krieg kaum erstrebenswert ist. Daß darunter der Unterhaltsamkeitsgrad von "Dunkirk" nicht leidet, ist eine erstaunliche Leistung. Besonders aufregend gestaltet (und dabei laut Experten sogar sehr authentisch) sind die Luftkampfsequenzen, die übrigens für Kenner des britischen Kinos eine schöne Anspielung beinhalten – denn der (nur zu hörende) Anführer des kleinen Jagdflugzeug-Geschwaders wird in der Originalfassung von Sir Michael Caine gesprochen (in der Synchronfassung netterweise von Caines deutschem Stammsprecher Jürgen Thormann), dem Hauptdarsteller des 1960er Jahre-Luftkampfklassikers "Luftschlacht um England"! An seiner Seite zeigt Tom Hardy, daß er nicht nur einen Film tragen kann, in dem nur er zu sehen ist (Steven Knights "No Turning Back"), sondern auch einen, in dem er fast nur zu hören respektive sein Gesicht fast nie zu sehen ist (da er im Cockpit sitzt), wobei er hier natürlich Unterstützung durch ein vielseitiges Ensemble erhält. Gerade die Newcomer wie der Tommy-Darsteller Fionn Whitehead oder der weitgehend wortlos bleibende Aneurin Barnard, aber auch "One Direction"-Sänger und Mädchenschwarm Harry Stiles in seinem Schauspieldebüt und Tom Glynn-Carney (als Mr. Dawsons Sohn Peter) zeigen starke, emotionale Leistungen und wirken vielleicht gerade wegen ihrer nur gering ausgeprägten Schauspielerfahrung ungemein authentisch, wobei sie sich aber jederzeit in den Dienst der Story stellen und nicht versuchen, aus der Besetzung herauszuragen. Als Ruhepole fungieren derweil die routinierten Mark Rylance und Sir Kenneth Branagh in ihren Rollen als Respektsfiguren. Daß "Dunkirk" so fabelhaft funktioniert, ohne dabei dem Feind ein Gesicht zu geben (erst ganz am Ende sind tatsächlich deutsche Soldaten zu sehen; am ehesten fungiert noch ein Heinkel He 111-Bomber, der für viel Zerstörung und Chaos sorgt, als Symbol für die Nazi-Bedrohung), ist nur ein weiterer Beleg für Nolans Könnerschaft als Regisseur wie auch als Drehbuch-Autor – auch wenn es nicht der erste Kriegsfilm ist, der das hinbekommt.

Fazit: "Dunkirk" ist ein unglaublich spannender, immersiver Kriegsthriller, der die Evakuierung britischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg aus drei individuellen, raffiniert ineinander verwobenen Perspektiven erzählt und den Zuschauer auch ohne explizite Szenen in das Kriegsgeschehen zieht.

Wertung: Gut 9 Punkte.


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